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Wenn Kanzleimanager unter sich sind

Dr. Joachim Jahn, FAZ, Juni 2003
OFFENBACH, 29. Juni. "In den großen Anwaltskanzleien hält die strategische Planung Einzug." Mit dieser Feststellung beschreibt Günther Heckelmann, Managing Partner für Deutschland bei der internationalen Anwaltssozietät Baker & McKenzie, was die Branche der Wirtschaftskanzleien derzeit umtreibt - und was zugleich seine eigene Aufgabe ist. "Bislang herrscht noch das opportunistische Geschäftsmodell vor", stellt der Frankfurter Advokat selbst in manchen Büros der Beratungsmultis fest: Viele Rechtsberater warteten noch immer hinter ihrem Schreibtisch darauf, daß Mandanten kämen, statt von sich aus Geschäfte zu akquirieren. "Der deutsche Anwalt ist von seiner hergebrachten Rolle her kein Unternehmer - und mit Zahlen hat er es nicht so fürchterlich."

Zu Heckelmanns Pflichten zählt, dies zu ändern. "Die Marktgesetze gelten auch für Anwälte", mahnte er jetzt in Offenbach beim "Innovationstag 2003" des Professional-Marketing-Forums seine Kollegen aus anderen Großkanzleien. Denn treulose Kunden wechseln häufiger als früher ihren Anwalt, drücken dessen Preise und veranstalten regelrechte Ausschreibungswettbewerbe. Noch immer sei die strategische Debatte nicht über die Arbeit an einzelnen Projekten hinausgelangt, klagte Heckelmann. "Sozietäten müssen sich auf dem heißumkämpften Markt entscheiden, ob sie lieber auf Hasen- oder Bärenjagd gehen." Wer weltweit Anwaltsbüros unterhalte, rund um die Uhr eine Rufbereitschaft für große Geschäftsabschlüsse biete und für alle Rechtsordnungen zugleich zur Verfügung stehe, dürfe nicht "mit der Schrotflinte auf jedes Kleinvieh zulaufen". Nur mit "besonders margenträchtiger, hochvisibler High-End- Beratung" läßt sich nämlich ein solcher Apparat finanzieren.

Die Kehrseite: Selbst wer die Karriere zum Partner schon geschafft hat, muß sich gelegentlich fragen, ob er als "kleines Rädchen in der Maschine" leben kann. "Was nehme ich auf mich, um meinen Profit zu verdoppeln?" So formulierte der Kanzleimanager zugespitzt den Scheideweg. Wer den Beruf des Anwalts ergreife, wolle nicht in die Hierarchie eines klassischen Unternehmens eingespannt sein. Heckelmanns Ratschlag lautete: "Anwälte leben von ihrer Persönlichkeit - man verliert die besten Köpfe, wenn die Sozietätsmitglieder nur noch Assistenten des Controllers sind."

Am Wandel kommen die deutschen Kanzleien aber schon deshalb nicht vorbei, weil vor allem die Londoner Anwaltsfabriken durch Übernahme deutscher Büros den Markt kräftig aufgemischt haben. Die englischen Kanzleien erwirtschaften deutlich höhere Profite als die deutschen, weil dort auf jeden Partner mehr angestellte Juristen (Associates) kommen als hierzulande. Dieses als Leverage bezeichnetes Zahlenverhältnis sorgt in Anwaltskreisen für ebenso regelmäßige Diskussionen wie das richtige Vergütungssystem. Nach Heckelmanns Ansicht muß deshalb jede Wirtschaftskanzlei die richtige Balance finden: Die einzelnen Büros dürfen sich nicht nur als "Vollstrecker" einer Zentralinstanz fühlen, sondern müssen auch eigene lokale Marktkenntnisse einbringen können.

Für unverzichtbar hält der Kanzleilenker allerdings eine interne Standortbestimmung: Welche Mandate wollen wir eigentlich haben? Sollen etwa nur die allergrößten Unternehmen betreut werden - oder vielleicht bloß bestimmte Branchen wie die Pharmaindustrie? Für die Positionierung am Markt wichtig sei zudem eine klare Entscheidung, ob sich die Sozietät, wie dies häufig geschieht, von "Ballast" trennen und nur noch Kerngebiete wie das Aktien- und Gesellschaftsrecht betreuen will. Steuer- und Arbeitsrecht sowie die juristischen Probleme mit Marken- und Patentschutz oder Computersoftware wären dann bloße "Zulieferer", um an die lukrative Betreuung von Unternehmenszusammenschlüssen und Konzernumstrukturierungen zu gelangen. "Ein Kanzleimanager muß einem altgedienten Partner auch einmal sagen können: Diesen Auftrag nimmst du gar nicht erst an, auch wenn der Mandant die Gebühren zahlen könnte."

Kein Wunder, daß in manchen Großkanzleien der Job des Managers von einem Nichtjuristen ausgeübt wird. "Business-Plan", "Branding", "Imagekampagnen" und "Cross-Selling" sind die Begriffe, mit denen solche Anwaltsstrategen längst um sich werfen. Aber ein Problem bleibt: "Wie erreiche ich mit diesem Wandlungsprozeß die Köpfe der Anwälte in meiner Kanzlei?" beschrieb Heckelmann auf der Tagung unter den Gleichgesinnten eine stete Sorge. "Ohne Führung geht es nicht", lautet sein Rezept - ein Greuel für jeden zum Individualisten geborenen Freiberufler. "Doch Sie dürfen die Truppen beim Führen auch nicht verlieren." Drohungen nach dem Motto: "Wer nicht mitmacht, muß gehen" ließen sich nur selten nutzen. Mehr Erfolg verspreche es da, "Peer Pressure zu organisieren". Denn einem Gruppendruck können sich auch Anwälte schwer entziehen.

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Dr. Joachim Jahn, FAZ

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